Marderhund (Nyctereutes procyonoides)

Der Marderhund, auch als Waschbärhund, Tanuki oder Enok bekannt, ist ein bemerkenswertes Mitglied der Hundefamilie. Ursprünglich in den fernöstlichen Regionen Asiens beheimatet, hat sich diese Art nun auch in vielen Teilen Europas etabliert.

Marderhund Steckbrief

Ein Blick auf den Marderhund offenbart eine faszinierende Kreatur mit einzigartigen Merkmalen und Anpassungen. Hier ist ein detaillierter Steckbrief dieses interessanten Tieres:

  • Wissenschaftlicher Name: Nyctereutes procyonoides
  • Klasse: Säugetiere (Mammalia)
  • Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
  • Größe: 50 bis 68 Zentimeter (Kopf-Rumpf-Länge), 38 bis 51 Zentimeter (Gesamthöhe)
  • Gewicht: 4 bis 10 Kilogramm
  • Lebenserwartung: 6 bis 8 Jahre in freier Wildbahn
  • Nahrung: Allesfresser – Mäuse, Vögel, Eier, Fische, Kröten, Schnecken, Insekten, Eicheln, Nüsse, Beeren, Obst und Aas
  • Verbreitung: Ursprünglich östliches Sibirien, nordöstliches China, koreanische Halbinsel und Japan; jetzt weit verbreitet in Europa
  • Lebensraum: Wälder und Regionen mit viel Unterholz
  • Natürliche Feinde: Luchs, Wolf, Braunbär, in Fernostasien auch Tiger und Leopard, für Jungtiere außerdem der Uhu
  • Fortpflanzung: Monogam, beide Partner kümmern sich um die Welpen
  • Verhalten: Sehr scheu, nachtaktiv, sucht Erdbaue für Schutz und Aufzucht der Jungtiere
  • Besonderheiten: Einzige Vertreter der Hunde, die eine Winterruhe halten
  • Schutzstatus: Keine Angabe

Systematik – Art, Ordnung, Gattung & mehr

Die Systematik des Marderhundes ist wie folgt:

Kategorie Bezeichnung
Art Marderhund (Nyctereutes procyonoides)
Ordnung Raubtiere (Carnivora)
Unterordnung Hundeartige (Caniformia)
Familie Hunde (Canidae)
Tribus Echte Füchse (Vulpini)
Gattung Nyctereutes
Wissenschaftlicher Name der Gattung Nyctereutes
Temminck, 1838
Wissenschaftlicher Name der Art Nyctereutes procyonoides

Merkmale und Eigenschaften des Marderhundes

Beim Marderhund, einem Säugetier der Canidae-Familie, variiert die Länge des Körpers ohne Schwanz zwischen 50 und 68 Zentimetern, während der Schwanz selbst eine zusätzliche Länge von 13 bis 25 Zentimetern aufweist.

Mit einer Schulterhöhe von 20 bis 30 Zentimetern erreichen diese Tiere eine Gesamthöhe von 38 bis 51 Zentimetern. Ihr Gewicht liegt zwischen vier und zehn Kilogramm. Das Fell des Marderhundes, im Handel auch als Seefuchs bekannt, zeichnet sich durch eine beige-graue Färbung an den Flanken sowie eine schwarzbraune Tönung am Bauch und Rücken aus.

Eine charakteristische weißlichgraue Zeichnung über den Augen erinnert an die Fellmusterung des Waschbären. Der Marderhund durchläuft einen jahreszeitlichen Fellwechsel, wobei das Winterfell in Farbe dem Sommerfell ähnelt, jedoch dichter und schwerer ist.

Die Lautäußerungen variieren von einem miauenden oder winselnden Ton bis hin zu einem leisen Fiepen der Welpen und einem knurrenden Geräusch der Muttertiere bei Gefahr. Männliche Marderhunde stoßen während der nächtlichen Partnersuche langgezogene, heulende Schreie aus.

Lebensraum – Verbreitung und Ausbreitung

Ursprünglich stammt der Marderhund aus dem östlichen Sibirien, dem nordöstlichen China, der koreanischen Halbinsel und Japan. Als Neozoon wurde er in Europa eingeführt, insbesondere zur wirtschaftlichen Nutzung seines Fells.

Die Ansiedlung in Westrussland begann im 19. Jahrhundert. Zwischen 1928 und 1950 erfolgte in der Ukraine die Aussetzung von nahezu 10.000 Tieren, was zur Ausbreitung im westlichen Teil des Landes führte. Erste Nachweise in Finnland gab es 1931, in Rumänien 1951 und in Polen 1955.

Seit 1960 breitet sich der Marderhund auch in Deutschland aus, mit dem ersten dokumentierten Fall 1962 in Börger, Landkreis Emsland. Mittlerweile ist er in ganz Deutschland verbreitet, insbesondere in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

In Österreich wurde der erste Marderhund 1954 in Karlstift, Niederösterreich, gesichtet, mit einer zunehmenden Verbreitung vor allem in Nieder- und Oberösterreich sowie im nördlichen Burgenland. In der Schweiz erfolgten die ersten Nachweise seit 1997 überwiegend durch junge Männchen, die aus Deutschland oder Österreich einwanderten. 2016 wurde der Marderhund erstmals in Südtirol gesichtet, und 2021 wurde er in Luxemburg dokumentiert.

Lebensweise und Verhalten

Der Marderhund führt ein monogames Leben und bleibt lebenslang mit seinem Partner zusammen. Beide Elternteile beteiligen sich an der Aufzucht von durchschnittlich sechs bis zehn Welpen. Zum Schutz und zur Aufzucht der Jungtiere nutzen sie häufig alte Baue von Dachsen oder Füchsen.

In Regionen mit harten Wintern halten Marderhunde eine Art Winterruhe, beispielsweise in Finnland von November bis März. In milderen Wintern bleiben sie das ganze Jahr über aktiv. Die Größe ihres Streifgebiets variiert je nach Nahrungsangebot und Klima, mit einer Fläche von etwa 150 Hektar in Deutschland bis zu 700 Hektar in Finnland.

Die Lebenserwartung dieser nachtaktiven Tiere in freier Wildbahn beträgt sechs bis acht Jahre.

Ernährung

Der Marderhund, ein omnivorer Bewohner der Tierwelt, ernährt sich von einer breiten Palette an Nahrungsmitteln. Sein Speiseplan umfasst Kleintiere wie Mäuse, Vögel und Fische sowie Amphibien, Schnecken und Insekten.

Zudem verzehrt er pflanzliche Kost wie Eicheln, Nüsse, Beeren und Obst und scheut auch nicht vor Aas zurück. Untersuchungen aus dem Jahr 2006 zeigten, dass in 77 % der untersuchten Mägen von Jungtieren überwiegend Insekten und nur in geringem Maße Säugetiere und Vogelreste zu finden waren.

Bei ausgewachsenen Tieren war der Anteil an kleineren Wirbeltieren, insbesondere Mäusen, Spitzmäusen und Maulwürfen, höher. Der hohe Anteil an pflanzlicher Nahrung, vor allem im Sommer und Herbst, unterstreicht die weniger aktive Jagdweise des Marderhundes im Vergleich zu anderen Raubtieren wie dem Rotfuchs. Der Marderhund sucht seine Nahrung hauptsächlich am Boden und in Gewässernähe, da er nicht klettern kann.

Fressfeinde, Parasiten und Krankheiten

Zu den natürlichen Feinden des Marderhundes zählen größere Raubtiere wie der Luchs, der Wolf, der Braunbär und in seinem asiatischen Lebensraum auch der Tiger und der Leopard. Junge Marderhunde müssen sich zudem vor dem Uhu in Acht nehmen. Als Parasit ist insbesondere der Fuchsbandwurm bekannt, der den Marderhund befallen kann. Zudem ist der Marderhund anfällig für verschiedene Krankheiten, darunter Tollwut, Staupe und Räude.

Phylogenetische Einordnung und Systematik der Canidae

Innerhalb der Familie der Hunde (Canidae) wird der Marderhund der Rotfuchs-Klade (Vulpini) zugeordnet, wobei er in molekulargenetischen Untersuchungen als Schwesterart zu den Arten der Gattung Vulpes identifiziert wurde.

Diese Erkenntnisse basieren auf Analysen von etwa 15 Kilobasen an Exon- und Intron-Sequenzen. Als nächster Verwandter dieser Gruppe gilt der Löffelhund (Otocyon megalotis). Der Marderhund ist in verschiedene Unterarten unterteilt, die sich auf unterschiedliche geografische Regionen verteilen, wie zum Beispiel N. p. procyonoides im Osten Chinas und N. p. viverrinus in Japan.

Die systematische und evolutionäre Geschichte des Marderhundes reicht etwa 8 bis 12 Millionen Jahre zurück, als sich seine Linie von den anderen Caniden trennte. Die ersten Fossilien des Marderhundes, Nyctereutes donnezani, sind aus Gesamteuropa bekannt, während eine größere Art, N. sinensis, im Pliozän in China lebte. Während die europäische Art ausstarb, überlebte N. sinensis und entwickelte sich zum heutigen Marderhund.

Population in Europa

Obwohl der Marderhund in seinem ursprünglichen Habitat in Japan an Häufigkeit abgenommen hat, verzeichnet er in Europa eine kontinuierliche Zunahme seiner Population. Als ein Neozoon, das in seiner neuen Umgebung keine natürlichen Feinde vorfindet, könnte der Marderhund das ökologische Gleichgewicht stören.

Besondere Besorgnis gilt dem möglichen Verdrängen einheimischer Vogelarten, die in Wiesen, Küstengebieten und Höhlen brüten. Trotz dieser Befürchtungen existieren bisher keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege, dass die Ausbreitung des Marderhundes den Bestand einer spezifischen Tierart gefährdet.

Historische Einführung und Ausbreitung des Marderhundes in Europa

Die gezielte Ansiedlung des Marderhundes in Europa begann mit russischen Aussetzungsaktionen in den Tälern des Amur und des Ussuri sowie in Teilen der ehemaligen Sowjetunion. Von 1929 bis 1955 wurden etwa 9100 Marderhunde freigelassen. Die erste Sichtung außerhalb Russlands fand 1930 in Finnland statt, gefolgt von Schweden im Jahr 1940. Mittlerweile erstreckt sich das Verbreitungsgebiet dieser Spezies über Deutschland, Skandinavien und den Balkan.

Nach der Berner Konvention von 1999, die die Kontrolle invasiver Arten fordert, wurde der Marderhund schrittweise in das Jagdrecht der deutschen Bundesländer integriert. Während Bremen eine Ausnahme bildet, wurden im Jagdjahr 2001/02 insgesamt 11.659 Marderhunde erlegt, mit einem vorläufigen Höhepunkt von 35.529 Tieren im Jahr 2007/08.

Ein signifikanter Rückgang der Population wurde im selben Jahr aufgrund einer Staupeepidemie verzeichnet, gefolgt von einer Erholung der Population bis 2015/16 mit 27.840 erlegten Tieren. Aufgrund der raschen Ausbreitung und hohen Reproduktionsrate des Marderhundes ist eine sorgfältige Überwachung seiner Auswirkungen auf die heimische Fauna notwendig.

In Österreich, wo die Jagdgesetzgebung Ländersache ist, ist der Marderhund teilweise ganzjährig zur Jagd freigegeben. Im Vergleich zu Deutschland sind die Abschusszahlen geringer, mit nur 31 erlegten Tieren im Jahr 2015/16, wobei die meisten in Nieder- und Oberösterreich sowie in der Steiermark erlegt wurden.

EU-Maßnahmen zur Kontrolle invasiver Arten

2017 verabschiedete die Europäische Kommission die Durchführungsverordnung 2017/1263, welche den Marderhund in die Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung aufnahm. Diese Regelung, die am 2. Februar 2019 in Kraft trat, verbietet gemäß EU-Verordnung Nr. 1143/2014 unter anderem die Einfuhr, Zucht, Transport und Freisetzung des Marderhundes in der Europäischen Union.

Ziel dieser Maßnahme ist es, die Ausbreitung von Arten zu verhindern, die potenziell schädliche Auswirkungen auf die einheimische Tierwelt und Ökosysteme haben könnten.


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